Kolumne in der «Südostschweiz», Ausgabe Glarus

Die Freigabe des Lehrplans 21 hat wieder einmal die Debatte um die politische Bildung an der Volksschule entfacht. Sie geniesse in der 470-seitigen Fibel mangelnde Priorität, ja sie werde an Schulen gar kategorisch vernachlässigt. Das führe nachweislich zu hoher Stimmabstinenz der 18- bis 25-Jährigen, argumentiert die eine Seite. Die Gegenpartei ortet Gefahr und betont, die politische Bildung als Teil eines Schulfachs eröffne der Lehrerschaft ungebührende Gelegenheiten zur politischen Einflussnahme. Ein Konsens scheint unwahrscheinlich, und doch ist es wichtig, dass die Auseinandersetzung stattfindet.

Im Kanton Glarus haben wir indes beste Voraussetzungen dafür, die Sache leicht entspannter anzugehen als anderswo – unserer Landsgemeinde sei Dank: Bei uns können Schülerinnen und Schüler Politik so nah miterleben und – spätestens wenn sie 16-jährig sind – so direkt mitbestimmt wie nirgends sonst. Demokratie auf höchster Ebene ist bei uns quasi am lebenden Objekt in aller Tiefe lernbar. Die Jugendlichen wissen um diese Chance und scheuen sich auch nicht davor, sich am Mikrofon Gehör für ihre Anliegen zu verschaffen. Wobei es nicht selten vorkommt, dass die eine oder andere gestandene Politgrösse rhetorisch in den Schatten gestellt wird. Es scheint sogar, dass die jüngere Generation an der Landsgemeinde einen besonders starken Einfluss auf die Zukunftsgestaltung unseres Kantons ausübe. Wie sonst lässt sich der typisch glarnerische Kontrast erklären – zwischen den oft progressiven Entscheiden am ersten Maisonntag und dem vielfach eher konservativen Stimmverhalten bei eidgenössischen Urnengängen.

Die Landsgemeinde symbolisiert in erster Linie Freiheit. Hier geht das Privileg unter die Haut, seine Meinung öffentlich kundtun und mit der eigenen Stimme mitentscheiden zu können. Die Landsgemeinde steht aber auch für Verantwortung. Hier ist eindrücklich spürbar, was es heisst, Verantwortung zu tragen für sich selbst und fürs eigene Handeln, aber auch Verantwortung zu übernehmen für andere. Insofern ist sie wohl der lockerste Pfad zur politischen Bildung. Selbst der beste Lehrplan gepaart mit der engagiertesten Lehrperson kann da nicht mithalten. In gut einem Monat treffen wir uns zu dieser einzigartigen «Schulstunde». Hoffentlich mit einem Grossaufmarsch aller Altersklassen.